Die Gabe ist Sehnsucht: Friedl Dicker-Brandeis und ihr Experiment im Kunstunterricht

18.01.2018 18:00, Prag 1, ÖKF, Jungmannovo náměstí 18

Židovské muzeum v Praze

Friedl Dicker-Brandeis gilt als eine der vielseitigsten Vertreterinnen der mitteleuropäischen Zwischenkriegs-Avantgarde. Ihr Bildungsexperiment mit Kindern in Theresienstadt fasziniert weiterhin, nicht nur wegen der progressiven Komplexität, sondern auch wegen der Anwendbarkeit im aktuellen Bildungssystem, das einerseits mit einer radikalen Einschränkung der kreativen Fächer konfrontiert ist und andererseits auf immer vielschichtigere Bedürfnisse von traumatisierten Kindern eingehen muss. Traumata, die aufgrund von Lebensumständen in einer sozial schwachen Umgebung, Krieg und bewaffneten Konflikten, Flucht und Migration entstanden sind. Fast viereinhalbtausend Kinderzeichnungen, von denen viele in der Ausstellung präsentiert werden, sind erhalten geblieben - das Ergebnis einer sorgfältigen pädagogischen Arbeit unter extremen Bedingungen in einem NS-Konzentrationslager, dem Ghetto Theresienstadt.

Friedl Dicker-Brandeis, auch Friedl Dicker, Friedericke Dicker-Brandeis sowie Friederike Dicker-Brandeis und auf Tschechisch Bedřiška (Friederike) Brandeisová (*1898, Wien - † 1944, KZ Auschwitz-Birkenau) war eine österreichische und tschechoslowakische Malerin, Lehrerin und Innenarchitektin. Sie wuchs in einer jüdischen Familie auf. Nach dem Studium an der privaten Kunstschule von Johannes Itten in Wien studierte sie am Bauhaus in Weimar. Später gründete sie mit Franz Singer in Wien das Gemeinschaftsatelier Singer-Dicker. Die gemeinsamen Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet und unter anderem in der Ausstellung Moderne Inneneinrichtungen im Österreichischen Museum für angewandte Kunst gezeigt. 1931 eröffnete Friedl Dicker in Wien ein eigenes Atelier. Sie war Mitglied der Kommunistischen Partei und im Jahr 1934 wurde sie wegen kommunistischer Aktivitäten verhaftet. Kurz danach emigrierte sie nach Prag, wo sie ihren Cousin Pavel Brandeis heiratete und wurde tschechische Staatsbürgerin. Im September 1942 wurde sie mit ihrem Ehemann in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie Zeichenkurse für Kinder organisierte. Vor ihrer Abreise nach Auschwitz hatte sie Hunderte von Kinderkunstwerken in einem Koffer auf dem Dachboden versteckt, der nach dem Krieg in das Jüdische Museum in Prag kam. Am 9. Oktober 1944 wurde sie vergast. Ihr Mann überlebte den Holocaust und heiratete erneut. 

Nach Friedl Dicker-Brandeis wurde 2016 ein Gemeindebau in Alsergrund in Wien benannt.

18. 1., 18 h  Vernissage
bis 13. 4., Mo–Fr 10–17 h
außer an österreichischen und tschechischen Feiertagen

Eintritt frei

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